Donnerstag, 2. Januar 2014

Positiv? Ja! Wirklich?

Ein sehr brisantes Thema, das ich auch schon auf Ennos Facebookseite thematisiert hatte; dort aber um einiges emotionaler als ich es hier vorhabe.

Die meisten Menschen werden sagen: Natürlich gehe ich gut mit meinem Hund um. Denn "nicht gut" wird oft mit extremer Gewalt gleichgesetzt, dabei beginnt "nicht gut" schon früher.

Ich dachte auch, solange ich meinen Hund nicht mit körperlicher Gewalt erziehe, bin ich positiv. Das ist ein Trugschluss. Trotz überholten Dominanztheorien, an die ich nicht glaubte, war in meinem Kopf festgesetzt "der MUSS doch hören". "Das MUSS er doch können". Und wenn er nicht hörte, oder etwas nicht konnte, dann wurde man "energischer". (Und frustriert!)
Ein wirklicher Fehler, den ich mir bis heute nicht verzeihen kann. Ich habe Konsequenz mit "lauter werden" in Verbindung gebracht. Geschrieben klingt das immer so dramatisch, ich habe Enno natürlich nie angebrüllt oder gar noch schlimmere Dinge getan - aber es war eben auch nicht positiv.
Ich war nicht so positiv, wie ich es dachte oder es gerne gewesen wäre.

Klar wurde mir es, als ich kareki um einen Ratschlag gebeten hatte. Es ging darum, dass ein Hund lernen soll nichts vom Boden aufzunehmen. Der Aufbau an sich war mir bewusst, den Fehler habe erst ich reingebracht.
Ich wurde lauter, wenn es nicht klappte. Oder auch einfach frustriert. (Mir missfällt es, dass man sich vorstellen könnte, ich hätte Enno angeschrien, so war es ja nicht. Tut mir leid, wenn ich darauf poche.)
kareki erklärte mir den Aufbau und ich war schon irritiert, weil es nahezu derselbe war. Aber nein, es gab einen kleinen, aber sehr wichtigen Nebensatz: mach ein Spiel daraus.
Da wurde es mir klar. Ein Spiel macht Spaß! Man wird bei einem Spiel nicht lauter!
Und so hat ein wichtiger Umdenkprozess stattgefunden. Seitdem kann ich sagen: ja, ich erziehe wirklich durch positive Verstärkung.

Selbstverständlich ist dies leider nicht und den Leuten fallen viele Gründe ein, warum positive Verstärkung angeblich nicht funktionieren könne.

Behauptung 1
Zuverlässiges Verhalten könne man nur über (positive) Strafe erhalten

Das ist natürlich Quatsch, wenn man sich vor Augen führt, was positive Strafe ist. Konditionierung. Und das ist auch die positive Verstärkung. Das Säugetier kann nicht nicht lernen.

Wenn etwas nicht funktioniert, muss man sich eine andere (positiv verstärkende!) Strategie überlegen, bzw. kontrollieren, ob sich nicht ein Fehler beim Aufbau eingeschlichen hat. Oder man muss die Trainingsschritte kleiner gestalten.

Wenn ein Hund jahrelang aversiv erzogen wurde, ist es nur selbstverständlich dass auch der Hund eine gewisse Zeit braucht um mit den positiven Methoden klar zu kommen.

Behauptung 2
Positive Strafe führe schneller zum gewünschten Ergebnis

Dem ersten Teil würde ich sogar zustimmen, ABER und das ist enorm wichtig: ist das Ergebnis wirklich dasselbe?
Ist es dasselbe, dass mein Hund auf den Rückruf hört, weil er Angst vor mir und den Konsequenzen hat oder er auf den Rückruf hört, weil er nur gute Dinge davon erwarten kann?
Ich sage, nein, es ist nicht dasselbe Ergebnis. Der Hund mag zwar dasselbe tun, aber die Beweggründe sind unterschiedlich. Und darauf kommt es an. Dann kann es mit positiver Verstärkung also unter Umständen länger dauern - diese Zeit gebe ich meinem Hund gerne.

Es geht auch nicht darum, dass mein Hund bei einem NEIN nicht tot umfällt. Das kann nicht die Rechtfertigung sein.

Behauptung 3
Wenn man hündisch kommuniziert, versteht es der Hund (wer braucht da schon positive Erziehung?)

Ich weiß nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll, dass Menschen ernsthaft glauben sie könnten sich exakt so wie ein Hund ausdrücken - und noch dazu auch so von ihnen verstanden werden. Da wird der Hund dann mit den Fingern gestoßen - die Finger sollen das Maul des Hundes (vorzugsweise der Mutterhündin) imitieren. Diese Stöße sollen, warum auch immer, aus dem Hinterhalt kommen. Wo ist das denn bitte hündisch?
Der Hund versteht nicht warum sein Mensch ihm plötzlich wehtut, obwohl sie doch gerade noch am Spielen waren. 

Auch ein Anschreien oder körperliche Blocks (wie sie der Mensch einsetzt) sind nicht hündisch!

(Passend dazu hat kareki vor einiger Zeit einen Artikel verfasst)

Behauptung 4
Positive Verstärkung sei Vermenschlichung des Hundes

Nein. Das ist es nicht. Man fühlt und denkt sich nur hinein. Man respektiert den Hund und dessen Gefühle / Bedürfnisse. Das ist keine Vermenschlichung.
Man darf Hunde auch trösten. Es ist grausam, ein leidendes, soziales Lebewesen sich selbst zu überlassen, "weil es da nunmal durch muss".

Im Gegenzug behaupte ich, dass genau diese aversiven Methoden Vermenschlichungen sind. Warum?
Die Rechtfertigung aversiver Methoden beinhaltet unter anderem auch so Sätze wie "Ich muss auch mal sche*sse zu dem Hund sein, so ist unsere Welt nunmal, das muss der abkönnen". Entschuldigung, aber wessen Welt denn?
Mein Hund ist ein Hund ist ein Hund. Dieser kommuniziert innerartlich mit seinen Artgenossen. Natürlich gibt es von denen freundliche oder weniger freundliche. Aber was genau hat da der Mensch  mit zu tun? Mit seinem "hündisch"?
Was lernt der Hund denn "für seine Welt", wenn ein Donnerwetter von Herrchen/Frauchen über ihn hereinbricht?
Er lernt, dass sein Frauchen unberechenbar ist, ja. Aber wo ist diese böse Welt, in der er soetwas abkönnen muss? Von wem hat er sinnloses Gebrüll, Drohgebärden und Stoßen denn zu erwarten, außer von dem Frauchen? Ich verstehe es nicht.

Und deshalb komme ich nur zu dem Schluss, dass es eine billige Ausrede ist und die Leute sich scheinbar darüber nichtmal im Klaren sind, was sie da eigentlich von sich geben.


Behauptung 5
Der Hund würde ja doch nur bestochen (durch Leckerli)

Das ist, finde ich, so nicht ganz richtig. Wenn mein Hund das Signal nur ausführt, wenn ich VORHER mit dem Leckerli vor der Nase rumwedle, habe ich beim Aufbau einen Fehler gemacht.

Die Definition von positiver Verstärkung gibt das schon her - wir belohnen das, was uns gefällt und wir öfter sehen möchten. Wir vermitteln dem Hund, was er tun kann / soll / darf - das ist doch viel schöner (für beide Parteien), als wenn ich meinem Hund ständig sagen muss "dies und sell und jenes darfst du NICHT!"

Zudem ist es schön, wenn man bedürfnisorientiert belohnen kann. Da braucht es nicht immer ein Leckerli; ein Spiel, eine Streicheleinheit gehen auch. Oder wenn man bei einer Hundebegegnung ein Stück hinterher geht. Den Hund hinterher schauen, schnüffeln lässt.

Ich selbst hatte da zu Beginn auch ein Problem damit. Für mich gehörte zu einer korrekten Ausführung die Belohnung mit dazu - wenn Enno mir dann das Leckerli vor die Füße gespuckt hat oder mich nach dem ausgeführten Signal mal eben so komplett ignoriert hat, um Schnüffeln zu gehen, dann hat mich das irgendwie frustriert. Das Signal führte er zwar zufriedenstellend aus, aber ich war unzufrieden, weil meine Belohnung nicht bei ihm ankam. Also wurde das Signal wiederholt. Und ich wurde noch frustrierter.
Es hat einige Zeit gedauert, bis ich wirklich verinnerlicht hatte "es ist in Ordnung, er belohnt sich gerade selbst". Dass ich nicht mehr darauf beharre, wie unsere Ausführung der Signale (+ Belohung) auszusehen hat.

Behauptung 6
Der Clicker ist nur zum Tricksen nützlich bzw. Der Clicker ist die Belohnung

Der Clicker ist vollkommen alltagstauglich. Der große Vorteil, ist er richtig konditioniert, ist dass er die Belohnung ankündigt. Der Click selbst ist nicht die Belohung. Aber er verschafft uns Zeit nach dem gewünschten Verhalten nach dem Leckerli (oder sonstiger Belohnung) zu greifen. Wir sind so in der Lage punktgenau! zu markern.

Clicker kann man sich ganz leicht um's Handgelenk schnüren, so braucht man ihn nicht ständig in der Hand halten und kann ihn aber doch schnell greifen, da er ja um das Handgelenk baumelt. Alternativ oder zusätzlich, kann man auch ein Markerwort einführen.

Behauptung 7
Positive Verstärkung sei nicht alltagstauglich

Das kann ich so nicht stehen lassen. Klar ist natürlich, dass man als Mensch umdenken muss. Das klappt auch nicht von jetzt auf gleich. Aber wenn man sich erstmal eingelesen hat, die Dinge verstanden und verinnertlicht hat - dann wird einem auffallen wie unglaublich einfach die positive Verstärkung ist. Teilweise war es für mich so simpel, dass ich auf die einfache Lösung gar nicht erst gekommen bin! :)
Wichtig ist eben, dass man mehr beobachtet. Warum führt der Hund das Signal nicht aus? Liegt es an mir? An der Umwelt? Was ist anders? Was kann ich anders machen? Das sind wichtige Faktoren.

Und noch dazu macht sie mehr Spaß! Dem Menschen und natürlich vorallem dem Hund. Es ist doch viel schöner, dem Hund zu sagen, was er machen soll, anstatt ihn ständig zu ermahnen. Viele Leute pochen dann darauf, dass ein "Abbruchsignal" ja gar nicht positiv sein könne - natürlich kann es das.
Was ist ein Abbruchsignal?
Nichts anderes als ein Wort, dass das Vorhaben oder Tun des Hundes abbrechen sollen. Da muss ich kein NEIN brüllen - sondern jedes stinknormale, andere Signal reicht vollkommen aus.
Mein Hund steuert auf einen Pferdeapfel zu - ich sage ein liebes "weiter" - Situation erledigt. Versteht man, was ich meine?

Auch werden in solchen Diskussionen leider immer Gefahrensituationen als Beispiel genommen. "Ja, aber was machst Du wenn Dein Hund jagt und dabei ist, vor ein Auto zu laufen?"
Mit so einem Beispiel möchten sie den Gegenüber an die Wand stellen. Sie wollen erzwingen, dass man aussagt "dann versuche ich ihn da zu packen und festzuhalten, wo ich ihn fassen kann" - und das dann als Beweis vorführen, dass man ja doch nicht so positiv arbeite, wie man behaupte. Das ist natürlich, mal wieder, Quatsch.
Natürlich packe ich meinem Hund in das Halsband oder ins Geschirr, wenn ich ihn davor vor dem Tod bewahren kann. Aber solche Notsituationen hat man doch nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Und genau das ist der springende Punkt: positive Verstärkung im Alltag. Darüber wird leider viel zu wenig diskutiert.

Auffallend fand ich auch, dass mich genau solche Personen vor einem "aggressiven Wolfsspitz" gewarnt haben, die auf solche aversiven Methoden zurückgreifen. Zufall? Nein, ich glaube nicht.

Ich möchte niemanden bekehren. Das ist auch kein "fishing for compliments". Ich möchte nur meine Erfahrung/Sichtweise darlegen. Das wichtigste ist einfach, umzudenken. Sich der Alternativen bewusst machen.
Mein Hund darf nicht hören. Einmal "haute er ab", hatte seine fünf Minuten und wollte mit mir fangen spielen. Viele Leute brausen in so einer Situation dann total auf - für einen Junghund in seinen fünf Minuten natürlich gefundenes Fressen. Ich möchte mich gar nicht als perfekt darstellen - im Gegenteil. Natürlich habe ich ihn gerufen. Ich habe den Namen gerufen, hier und stopp. Er hat natürlich nicht gehört. Einfangen war auch unmöglich, weil er es als Spiel verstanden hat. Was konnte ich also noch probieren?
Ich tat so, als würde ich nach Hause gehen.
Und da kam er dann angerannt und lies sich anleinen. Ich war völlig überfordert und wusste gar nicht, wie ich reagieren soll. Lobt man den Hund? Schimpft man nicht doch ein bisschen? Ich entschied mich dazu, einfach nichts zu sagen. Bin wortlos mit ihm nach Hause.
Und ich bin mir sicher, es war richtig so zu reagieren. Seitdem kam das nie wieder vor.

Das kann man natürlich eine extreme, bzw. nicht alltägliche Situation nennen, aber wenn man das auf den Alltag überträgt: ich selbst sehe jeden Tag viele Leute, die ihre Hunde anschreien, wenn diese nicht hören. Da steht dann das Frauchen am Wiesenrand und brüllt den Namen des Hundes - der sich so gar nicht dafür interessiert. Irgendwann geht das Frauchen hin und sammelt den Hund ein - und es wird nochmal richtig losgeschimpft. Warum soll mein Hund denn zu mir kommen, wenn ich ihn sowieso nur anbrülle? Wenn er von alleine kommt, muss er sich was von mir anhören, wenn ich ihn einsammle ebenso.
Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte: so manch ein Rückruf würde besser sitzen, wenn der Hund keine schlimmen Konsequenzen zu erwarten hätte.

Man macht es sich selbst und dem Hund einfacher, wenn man nicht etwas erwartet, was der Hund gar nicht erfüllen kann - zum Beispiel perfekter Gehorsam. Wenn man sich verdeutlicht, dass ein Lebewesen nicht zu 100 % hören kann / muss, geht man auch mit Rückschritten viel leichter um - oder nicht?

Was fehlt, glaube ich, ist das Verständnis für den Hund. Ich meine den Kontext. Überall heißt es, die Dominanztheorie sei ja so altbacken - das stimmt durchaus, aber die Hundeerziehung heute in vielen Haushalten ist es ebenso. Unsere Hunde sind KEINE niederen Lebewesen, die nur zum unseren Vergnügen, für unser Bild von der perfekten Familie mit Haus und Garten existieren.
Müssen unsere Hunde denn wirklich immer und überall hören? Können wir unseren Hunden nicht zugestehen, dass sie auch etwas mal nicht können? Sie sind keine Maschinen. Sie sind Lebewesen mit Gefühlen, Bedürfnissen und ich sage auch: Rechten.
Warum tun wir uns nur so schwer damit?

Wichtig ist, zu verstehen dass dies ein Denkprozess ist. Es muss wortwörtlich "click" machen bei uns Menschen. Wenn wir das Grundprinzip erst einmal verstanden haben, dann müssen wir nur noch nach und nach unser Repertoire an positiv verstärkenden Werkzeugen erweitern. Uns allen ist bewusst, dass ein Hund von einem Wasserspritzer, einer Drohgebärde, oder einem Stoßen nicht gleich tot umfällt - der Punkt ist, dass man auf solche unsinnigen Methoden ganz einfach verzichtet, weil sie die Probleme meist nur umschiffen oder gar noch schlimmer machen. Dieses Umdenken findet nicht von heute auf morgen statt, auch das muss man sich einprägen. Man ist kein Versager, wenn man doch wieder in alte Muster fällt, obwohl man sich bessern wollte. Das gehört dazu.

Ich kann nur für Enno und mich sprechen - wir fahren sehr gut damit. Ennos 'Gehorsam' ist ein Traum (nicht perfekt, aber das verlange ich auch nicht, weil er ein Lebewesen ist!) und das wichtigste, er arbeitet richtig mit Freude mit. Wenn er auf mich zurennt und ich dann seinen Namen oder Hier rufe, dann ändert sich die Mimik. Die Augen leuchten, er lächelt, er legt nochmal an Geschwindigkeit zu. Das ist einfach so herzergreifend schön, immer wieder. Und genau das bestätigt mich in meinem Verhalten. Ich bin sehr froh, dass es Leute gibt, die positive Verstärkung erklären.

Deshalb möchte ich auch ein paar Seiten nennen:
Markertraining
Maulkorbfrei
Höllenhunde (Englisch)

Viel Spaß beim Stöbern!

- Ennos Frauchen

Kommentare:

  1. Vielen lieben Dank für die Verlinkung und... geh den Weg weiter! Einmal eingeschlagen und wir profitieren von einem schönen Verhältnis zu unseren Hunden :)

    (Die "Gefahrensituations-Debatte" ist immer zum Weinen. Toll erklärt und widerlegt!)

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